Jugend macht Gottesdienst im Kirchenkreis Holzminden-Bodenwerder

Nachricht Holzminden/Jugenddienst, 11. Juni 2026

Das Konzept „Jugend macht Gottesdienst“ klingt zunächst einfach: Jugendliche treffen sich von Freitag bis Sonntag und bereiten zusammen einen Gottesdienst vor – inhaltlich, musikalisch und organisatorisch.  Am Ende wird dann gemeinsam Gottesdienst gefeiert. Somit werden die Jugendlichen nicht „nur“ beteiligt, sondern gestalten wirklich selbst. Doch dieses Konzept verfolgt mehr Ziele als zunächst angenommen.

Das Wissen über Kirche, Glaube und Religion wird nicht mehr selbstverständlich tradiert. Kenntnisse über christliche Inhalte und Werte verschwimmen zunehmen in der pluralen Welt. „Jugend macht Gottesdienst“ möchte der Säkularisierung und dem Traditionsabbruch entgegenwirken, indem vielmehr Inhalte im Fokus stehen, als die eigentliche Gestaltung des Gottesdienstes. „Jugend macht Gottesdienst“ ist ein explizit theologisch ausgerichtetes Angebot, das auf die aktive Auseinandersetzung mit Perikopen (jeweiliger Predigttext oder Evangelium des Sonntags) abzielt. Dadurch setzen sich Jugendliche mit Themen auseinander, die für sie entweder deutlich alltagsrelevant sind oder bei denen eine Relevanz in ihrer Lebenswelt erst hinterfragt und dann reflektiert wird. Besonders alltagsferne Themen (z.B. Gnade, Sünde, Rechtfertigungslehre etc.) laden zum Theologisieren ein. Es geht um ein prozesshaftes, gemeinsames Nachdenken und Dialog auf Augenhöhe statt Belehrung – wohlgleich Bildung an dieser Stelle nebenbei passiert. Bei der Ausgestaltung des Gottesdienstes haben Jugendliche die Möglichkeit sowohl inhaltlich (Begrüßung, Anspiele, Predigt, Fürbittengebet und Segen schreiben), als auch kreativ (Video-Dreh, Theaterspielen, Basteln, Deko etc.) zu arbeiten. Vor der gemeinsamen Übernachtung im Gemeindehaus wird ein thematisch passender Film geguckt, der erneut zur Vertiefung des Themas dient. „Jugend macht Gottesdienst“ bietet darüber hinaus vielfältigen Lernraum bezüglich Verantwortungsübernahme, Teamarbeit, soziale Komponenten im Umgang miteinander, Organisation, Liturgie- und Medienkompetenz, Sprecherziehung, Stimmbildung und Rhetorik sowie Bühnenpräsenz und manchmal den Sprung über den eigenen Schatten.

 

Der Gottesdienst an sich dient als Brücke zwischen den Generationen. Die Jugend macht zwar den Gottesdienst, doch er ist für alle Zielgruppen offen. Daher denken die Jugendlichen schon bei der Vorbereitung intergenerativ und berücksichtigen z. B. in der Lieder-Auswahl eine heterogene Zielgruppe. Dadurch entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit als eine Gemeinde – unabhängig Wohnort, Alter oder Perspektive. 

Nicht zuletzt erleben die Jugendlichen an einem „Jugend macht Gottesdienst-Wochenende“ eine ganz spezielle Form von Gemeinde auf Zeit, die gerade bei Aktionen mit theologischem Ereignischarakter, bei denen das Evangelium explizit kommuniziert wird, entsteht. Es geht eben weniger um die eigentliche Feier alternativer Gottesdienstformen, als vielmehr um Antworten, die daraus an einem solchen Wochenende hervorgehen können. Solche Arten von 'Gottesdiensten', an denen Menschen punktuell, situativ und selektiv teilnehmen, können aufgrund ihrer offenen Gemeinschaftsform bei Sinn- und Orientierungssuche helfen oder das Verlangen nach religiösem Erleben befriedigen. (1) Jugendlichen ist dies oft gar nicht bewusst, aber sie nehmen durchaus die Besonderheit dieser intensiven Gemeinschaftsbildung, transzendente Momente und Spiritualität oder Resonanzen wahr. (2) Ebenso ergeht es auch den Gottesdienstbesuchenden. „Jugend macht Gottesdienst“ bietet auf vielerlei Ebenen Raum für Gottesbegegnungen und Glaubenserfahrungen.

"Und es werden kommen
von Osten und von Westen,
von Norden und von Süden,
die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes." (Lukas 13,29)

Jugendliche aus allen Himmelsrichtungen sind eingeladen, selbst Gottesdienste zu gestalten – über parochiale Grenzen hinweg und über regionale Grenzen hinaus. Das Bild vom 'Gemeinsam-am-Tisch-Sitzen' spiegelt Gemeinschaft und Nächstenliebe wider. Theologisch heißt das: Das Reich Gottes ist in dieser Gemeinschaft und in der Beziehung zu Gott sowie untereinander sowohl eschatologisch als auch durch das Wirken Jesu schon angebrochen. Gottes Einladung an diesen Tisch, seine Liebe und Gnade gilt allen Menschen. Evangelische Jugendarbeit bietet genau diesen hoffnungsvollen Mehrwert.

 

Diakonin und Sozialarbeiterin Christine Dörrie

Literaturangaben

Pohl-Patalong, Uta, Evangelische Kirche in der Spätmoderne: Entwicklungen, Reformen und offene Fragen, in: Englert, Rudolf/Kohler-Spiegel, Helga/Naurath, Elisabeth/Schröder, Bernd/Schweitzer, Friedrich (Hrsg.), Religionspädagogik in der Transformationskrise. Ausblicke auf die Zukunft religiöser Bildung (JRP, Band 30), Neukirchen-Vluyn 2014, S. 78-87.

Martin, Tanja, "Promis, Chrom & der Klang von Ewigkeit" – Die Vergesellungskraft (besonderer) Gottesdienste, in: Bubmann, Peter/Fechtner, Kristian/Merzyn, Konrad/Nitsche, Stefan Ark/Weyel, Birgit (Hrsg.), Gemeinde auf Zeit. Gelebte Kirchlichkeit wahrnehmen (Praktische Theologie heute, Band 160), Stuttgart 2019, S. 98-101.

 

(1) Vgl. Pohl-Patalong, Neukirchen-Vluyn 2014, S. 84.
(2) Vgl. Martin, Stuttgart 2019, S. 98.