Könnte man Osterglocken läuten hören, wie herrlich müsste das klingen! Sie sind die einzigen wild vorkommenden Narzissen in Deutschland. Sie blühen in Gärten und manchmal am Wegrand. Jede Osterglocke ist Frühlingsbotin und Gute-Laune-Bringerin. Ihr Blütenkragen scheint wie die Sonne und ihr Glockenkelch öffnet sich, als wollte er die Freude mit hellem Klang verbreiten.
Wissenschaftlich nennt man sie „Narcissus Pseudonarcissus“, also falsche Narzisse. Das ist nicht verächtlich, sondern ein Kompliment. Der erste Narziss, ein Jüngling aus der griechischen Sage, liebte sein Spiegelbild. Die Osterglocke liebt alles Leben, das um sie erwacht, und verkündet mit ihrem Blühen den auferstandenen Christus.
Was hängt man nicht alles an die große Glocke, und vieles ist es nicht wert. Trugbilder, aber manche binden sich daran. Selbstverliebtheit, unter der die Welt leidet. Glücksversprechen, die Unglück bringen. Eigennutz, der anderen zum Schaden ist. Nicht selten folgt vielfacher Tod.
Seit Karfreitag haben darüber die Glocken geschwiegen. Doch zum Osterläuten erklingen sie wie im gemeinsamen Gesang. Kirchenglocken und Osterglocken rufen ihre staunende Freude in die Welt. Das Schweigen ist gebrochen. Dem Tod ist die Grenze gesetzt. Gott ruft ins Leben. Alle Glocken in der Welt, leuchtend kleine und vielstimmig große, verkündet die Botschaft des Lebens: Christ ist erstanden!
Landesbischof Ralf Meister